Die Amaryllis bedeutet in der Blumensprache Stolz und prachtvolle Schönheit, dazu Schüchternheit als leisere dritte Lesart. Der Stolz kommt nicht vom Aussehen: Die Gärtner des 19. Jahrhunderts nannten die Pflanze stolz, weil sie die Blüte trotz eifriger Pflege oft verweigert. Verschenkt wird sie als Zeichen von Bewunderung.
Meist steht die Blume schon auf dem Tisch, wenn die Frage nach ihrer Botschaft aufkommt, im Advent gekauft oder als Mitbringsel gedacht. Für den Anlass zählt vor allem, was die Blume als Ganzes sagt; die Farbe kommt danach. Und der Name führt weiter zurück, als man vermutet – zu einer Hirtin in einem antiken Gedicht.
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Die Amaryllis steht für Stolz und prachtvolle Schönheit

Stolz, Schüchternheit und prachtvolle Schönheit: Mit diesen drei Zuschreibungen steht die Amaryllis in der Blumensprache (Kate Greenaway, Language of Flowers, 1884). Sie stehen gleichrangig nebeneinander, auch wenn die mittlere neben der großen, aufrechten Blüte zunächst überrascht. Zusammen ergeben sie die Symbolik, mit der die Amaryllis überliefert ist.
Was die drei für den Beschenkten heißen:
- Stolz: die Kernbedeutung. Sie kommt nicht vom Aussehen, sondern vom Verhalten der Pflanze, die sich zur Blüte nicht drängen lässt.
- Schüchternheit: die leise Seite derselben Botschaft, gleichrangig neben dem Stolz.
- Prachtvolle Schönheit: gemünzt auf die Wirkung der großen Trompetenblüte auf hohem Schaft.
Der Grund für den Stolz ist überraschend praktisch. Die Gärtner des 19. Jahrhunderts hielten die Amaryllis für eine stolze Pflanze, weil sie den eifrigen Pflegebemühungen die Blüte oft verweigere. Gegossen und gedüngt wurde weiter, die Zwiebel trieb trotzdem nur Blätter. Wer schon einmal eine Amaryllis über den Sommer gebracht und im Dezember vergeblich auf den Schaft gewartet hat, kennt dieses Verhalten aus eigener Anschauung. Die Zuschreibung beschreibt damit ein Verhalten der Pflanze, nicht die Wirkung ihrer Blüte.
Der Stolz gilt für die Blüte in jeder Farbe. Allerdings sagen solche Zuordnungen mehr über die Bücher aus, in denen sie stehen, als über die Pflanze. Die Blumensprache ist ein Zeichensystem des 19. Jahrhunderts, festgehalten in gedruckten Verzeichnissen; um 1819 erschien in Paris ein Buch, das ganz dieser Zeichensprache gewidmet war. Was eine Blume bedeutet, ist damit Konvention, und das gilt für die Amaryllis wie für jede andere Blüte.
Diese Verzeichnisse waren in beide Richtungen angelegt: Man schlug die Blume nach und bekam ihre Botschaft, oder man schlug die Botschaft nach und bekam die passende Blume. Unter dem Stichwort Stolz steht die Amaryllis deshalb genauso wie unter der prachtvollen Schönheit.
Die Farben der Amaryllis und ihre Bedeutung

Stolz und prachtvolle Schönheit gelten für jede Blüte dieser Pflanze, ganz gleich, welche Farbe sie hat. Was Rot, Weiß und Rosa dazu beitragen, ist die allgemeine Farbsprache der Floristik, die auf jede Blume angewandt wird: Rot gehört zu Liebe und Leben, Weiß zur Reinheit.
Doch gleichgültig ist die Farbe deshalb nicht: Sie entscheidet über die Wirkung im Raum, während die Botschaft dieselbe bleibt. Wenn Sie im Advent zu Rot greifen, wählen Sie die Jahreszeit mit, denn Rot und Grün gehören ohnehin zusammen. Weiß wirkt ruhiger und passt zu einer festlich gedeckten Tafel, Rosa liegt dazwischen.
Rot selbst ist in der Farbsprache doppelt besetzt. Seit Jahrhunderten steht es für Liebe und Leben, orientiert an der Farbe von Herz und Blut; daneben ist Rot die Farbe von Macht und Kampf. Weiß gilt als Farbe des Reinen und Vollkommenen, Rosa als Farbe des Zarten, die auch aufkeimende und schutzbedürftige Gefühle meint. Beide Deutungen stammen aus der Farbkonvention und werden auf jede Blüte angewandt, von der Nelke bis zur Rose.
Die Übersicht zeigt, wofür die einzelnen Farben in der Floristik stehen.
| Farbe | Wofür die Farbe steht |
|---|---|
| Rot | Liebe und Leben, an Herz und Blut orientiert, zugleich Macht und Kampf. Im Advent die klassische Wahl, weil Rot und Grün zur Jahreszeit gehören |
| Weiß | Reinheit, Unschuld und Tugend; die ruhige Variante für festliche Tische |
| Rosa | Zartes und Romantisches: sanfte Gesinnung, aufkeimende und schutzbedürftige Gefühle |
| Gestreift, gefüllt, zweifarbig | Sortenmerkmale aus 200 Jahren Züchtung: Sie sagen etwas über die Sorte, nicht über die Botschaft |
Von Weiß bis Lachs: welche Farben es wirklich gibt
Wer vor dem Regal steht, sieht mehr als drei Farben. Neben Weiß und den Rottönen sind Lachs und Orange handelsüblich, dazu kommen Gelb und ein blasses Grün. Gefüllte Sorten tragen doppelte Blütenblätter, andere sind kontrastreich gestreift oder gepunktet, und manche haben einen andersfarbigen Blütengrund. Hunderte großblütiger Sorten sind das Ergebnis von über 200 Jahren Züchtung, die um 1800 in England begann. Vor dem Kauf lohnt sich deshalb der Blick auf das Etikett: Der Sortenname sagt mehr über Blütenform und Farbton als jede Deutung.
Als Geschenk ist die Amaryllis ein Zeichen von Bewunderung
Wer eine Amaryllis verschenkt, drückt Bewunderung und Anerkennung aus. Das passt zu Menschen, die etwas geleistet haben, und es passt in den Advent, wenn ohnehin die halbe Nachbarschaft mit Blumen unterwegs ist. Die große Blüte auf dem hohen Schaft wirkt dabei schon aus dem Türrahmen, und genau darauf zielt die überlieferte Botschaft. Der Ton stimmt auch dann, wenn Sie die Person nicht besonders gut kennen: Bewunderung ist eine Geste, die keine Nähe voraussetzt.
Drei Anlässe liegen besonders nah:
- Bewunderung und Respekt: die Botschaft, die am dichtesten an der überlieferten Bedeutung liegt, für jemanden, den Sie als stark und schön empfinden.
- Glückwunsch zu einer Leistung: Stolz als Kompliment, wenn jemand etwas erreicht hat.
- Advent und Weihnachten: die Hauptsaison. Von Dezember bis Februar steht die Amaryllis frisch im Laden.
Als Liebeserklärung ist die Amaryllis nicht überliefert: In der Blumensprache trägt sie ihre Bedeutung als ganze Blume, ohne Unterscheidung nach Farbe (Charlotte de Latour, Le langage des fleurs). Sie sagt Bewunderung, und das ist zwischen Verliebten etwas anderes. Eine rote Blüte kann deshalb anders ankommen als gemeint, gerade weil Rot bei anderen Blumen für die Liebe steht. Für eine Liebeserklärung sind andere Blumen gesetzt; was die Tulpe sagt, steht in der Bedeutung der Tulpe.
Am einfachsten wird die Sache mit einem Satz auf der Karte. Wer schreibt, dass er die Leistung des anderen bewundert, hat die Botschaft gesagt, bevor die Blume gedeutet werden muss. Zum bestandenen Examen oder zum Einzug in die erste eigene Wohnung braucht es dann keine zweite Erklärung mehr.
Wer sie in einen Haushalt mit Katze schenkt, wirft vorher einen Blick darauf, ob die Amaryllis für Katzen giftig ist.
Blütezeit Dezember bis Februar: die Amaryllis als Weihnachtsblume

Zur Weihnachtsblume wurde die Amaryllis, weil zwei Dinge zusammenfallen: Ihre Farben passen zur Jahreszeit, und ihre Blütezeit reicht im deutschen Handel von Dezember bis Februar. Rot und Grün gehören zum Advent, Weiß und Grün ebenso, und beide Kombinationen bringt die Pflanze mit.
In vielen Haushalten läuft die Dekoration in diesen Wochen ohnehin auf Rot und Grün hinaus; eine weiße Blüte über grünem Schaft trifft dieselbe Stimmung eine Spur ruhiger. Dazu kommt der Zeitpunkt: Ausgerechnet in den dunklen Wochen steht sie in voller Blüte.
Tatsächlich blüht sie dann, wenn draußen nichts blüht, und im Zimmer steht mitten im Dezember eine wunderschöne, weit geöffnete Blüte. Als Schnittblume hält sie den Advent über durch; wie das gelingt, steht bei Amaryllis in der Vase.
Mit dem Ende der Blüte endet auch die Weihnachtsrolle. Im Februar, in manchen Jahren erst im März, läuft die Blütezeit aus, und die Saison geht an die Frühjahrsblüher über. Wenn die Amaryllis verblüht, übernimmt die Narzisse; ihre Bedeutung der Narzisse ist eine ganz andere.
Der Dezember-Termin ist gärtnerisch gesteuert
Doch dieser Termin ist keine Laune der Pflanze, sondern Planung. Zwischen Austrieb und Blüte vergehen etwa acht Wochen, ab dem Pflanzen der Zwiebel rechnet man sechs bis acht. Beide Angaben decken sich, sie zählen nur ab unterschiedlichen Punkten. Diese Spanne nutzt der Gartenbau, um die Pflanzen genau zur Weihnachtszeit in Blüte zu haben.
Die Gattung stammt aus Südamerika, und ohne trockene Ruhephase bleibt die Blüte in Kultur aus. Zum Kulturjahr hierzulande gehört deshalb eine Trockenzeit, auf die erst die Blüte folgt. Für den Handel ist das Routine, für die Pflanze ein Rhythmus, der mit dem Kalender nichts zu tun hat. Wer im Dezember eine blühende Amaryllis kauft, kauft deshalb eine terminierte Kultur: Der Zeitpunkt der Blüte war eingeplant, lange bevor die Pflanze im Laden stand.
Für Sie zu Hause bleibt daraus ein einziger praktischer Hebel: Kühler aufgestellt, öffnet sich die Blüte langsamer und hält länger. Wer die Amaryllis nicht direkt über die Heizung stellt, hat also mehr von ihr.
Hinter dem Namen Amaryllis steckt eine Hirtin aus Vergils Hirtengedichten

Der Name Amaryllis stammt von einer Hirtin aus Vergils zehn Hirtengedichten und geht auf das griechische Wort für funkeln zurück. Die zehn Gedichte, die Eklogen, sind kurze Szenen aus dem Landleben: Hirten singen und rufen einander zu. Amaryllis ist eine der Figuren, die darin besungen und angerufen werden, eine Gestalt der Hirtendichtung also, aus der Feder eines römischen Dichters. Von dort hat die Botanik den Namen übernommen, und über die Gattung ist er auf die Pflanze im Blumentopf gekommen.
„Amaryllis“ heißt übersetzt „funkeln“
Das griechische Verb amarýssō heißt funkeln oder glänzen. Auf die Pflanze bezogen meint das die Pracht der Blütenhülle, also der sechs Blütenblätter, die zusammen den Trichter bilden. Die Übersetzung liefert damit eine Beschreibung und keine Botschaft im Sinne der Blumensprache: etwas, das funkelt. Die beiden Erklärungsstränge liegen dicht beieinander. Die Hirtin gab den Namen her, das griechische Verb die Anschauung dazu. Die Übersetzung fällt erst auf, wenn man sie nachschlägt.
Die Alteo-Erzählung stammt nicht aus Vergils Eklogen
In den zehn Eklogen ist Amaryllis eine Hirtin, die besungen und angerufen wird. Ihr Name fällt in fünf der zehn Gedichte: in den Eklogen 1 bis 3 sowie 8 und 9. Zum ersten Mal steht er in Ecloga 1, Vers 5: „formosam resonare doces Amaryllida silvas“ (The Latin Library). Sinngemäß: Der Wald lernt es, von der schönen Amaryllis widerzuhallen.
Doch die bekanntere Geschichte klingt anders. In ihr liebt Amaryllis den unnahbaren Jüngling Alteo, durchbohrt sich mit einem goldenen Pfeil das Herz, und aus den Blutstropfen wächst eine leuchtend rote Blume. Diese Erzählung kommt in Vergils zehn Eklogen nicht vor, weder der Jüngling noch der Pfeil. Sie gehört zur Blumensprache-Tradition, und als solche darf man sie gern weitererzählen, nur eben nicht als antiken Text.
Ritterstern und Hippeastrum: der zweite Name der Pflanze
Botanisch heißt die im Advent verkaufte Pflanze Hippeastrum. Den Gattungsnamen prägte der englische Geistliche und Hobbybotaniker William Herbert (1778–1847), und für seine Wortwahl gibt es zwei Deutungen: Entweder erinnerten ihn die Knospen an ein Pferdeohr und die Blüte an einen sechsstrahligen Stern, oder die Blüte an den Morgenstern eines Ritters. Daher der deutsche Name Ritterstern. Carl von Linné hatte die südamerikanischen Arten noch der Gattung Amaryllis zugeordnet, später wurden sie als Hippeastrum abgetrennt; die echte Amaryllis, Amaryllis belladonna, stammt aus Südafrika. Welche Pflanze botanisch welchen Namen trägt, klärt der Unterschied zwischen Amaryllis und Ritterstern.
Häufig gestellte Fragen
Welche esoterische Bedeutung hat die Amaryllis?
Wie lautet die Übersetzung von „Amaryllis"?
Was bedeutet die Farbe weiß bei Blumen?
Welche Bedeutung haben rote Blumen?
Was bedeutet ein Amaryllis-Tattoo?
Artikel von
Anton PolitunGründer & Autor bei Blumengruss.de
Schreibt über Schnittblumen — ihre Bedeutung, Pflege und die Kunst, den richtigen Strauß zu wählen.