Was im Advent als Amaryllis im Topf steht, ist botanisch ein Ritterstern der Gattung Hippeastrum; Amaryllis ist dafür der Handelsname. Die botanisch echte Amaryllis ist die Belladonnalilie aus Südafrika. Sie blüht im Spätsommer und trägt sechs bis zwölf kleinere Blüten je Schaft. Ihr Blütenschaft ist mit Markgewebe gefüllt, der des Rittersterns hohl.
Im Dezember steht der Ritterstern in fast jedem Blumengeschäft, und auf den Schildern wechseln sich zwei Namen ab: hier Amaryllis, zwei Regalmeter weiter Hippeastrum. Beide meinen dieselbe Pflanze. Daneben gibt es allerdings eine zweite, die den Namen Amaryllis botanisch zu Recht trägt und zu einer ganz anderen Jahreszeit blüht. Wer wissen will, was auf der eigenen Fensterbank steht, kommt dabei ohne Systematik aus. Es reichen ein paar handfeste Merkmale am lebenden Exemplar. Der Kalender und die Zeile auf dem Etikett tun den Rest.
Inhaltsverzeichnis

Der Adventsblüher im Topf ist ein Ritterstern, verkauft wird er als Amaryllis

Was im Advent als Amaryllis im Laden steht, ist botanisch ein Ritterstern der Gattung Hippeastrum (MDR Garten). Angeboten und genannt wird er trotzdem von allen Amaryllis. Die beiden Namen stehen dabei nicht in Konkurrenz: Der eine kommt aus dem Handel, der andere aus der Botanik.
Ritterstern ist der deutsche Name der Gattung Hippeastrum. Ihre Wildarten wachsen in Mittel- und Südamerika, unter anderem im südlichen Brasilien und in Argentinien. Die Gattung umfasst rund 70 bis über 100 Wildarten; genauer lässt sich das nicht sagen, weil die Abgrenzung der Arten in der Systematik nicht abschließend geklärt ist. Dazu kommen Hunderte von Zuchtsorten. Die Wuchshöhe liegt, über die ganze Gattung gerechnet, bei rund 30 bis 90 Zentimetern. In eine eigene Gattung gestellt hat die südamerikanischen Arten 1821 William Herbert.
Mit diesen Wildarten hat die Pflanze im Adventstopf allerdings wenig mehr als die Herkunft gemeinsam. Was im Handel steht, sind fast durchweg Hybriden, und sie gehen auf Hippeastrum vittatum aus den peruanischen Anden zurück. Zwischen den Sorten unterscheiden sich Blütenfarbe und Blütengröße, die Gattung bleibt dieselbe. Im Laden steht damit praktisch immer eine Züchtung.
Botanisch ist dieser Zwiebelblüher damit keine Amaryllis, sondern ein Ritterstern. Falsch macht deshalb trotzdem niemand etwas, der im Blumenladen nach einer Amaryllis fragt: Im deutschen Sprachgebrauch ist das der etablierte Name für genau diese Pflanze, und Sie bekommen darunter auch genau das, was Sie meinen. Das Wort trägt nur eben zwei Bedeutungen, den Handelsnamen für den Ritterstern und den Namen einer eigenen Gattung. Doch im Alltag begegnet Ihnen der Unterschied an genau zwei Stellen: auf dem Etikett, wenn dort Hippeastrum steht, und im Spätsommer, wenn eine ganz andere Pflanze denselben Namen trägt.
Die echte Amaryllis heißt Belladonnalilie und blüht im Spätsommer

Die botanisch echte Amaryllis ist die Belladonnalilie, Amaryllis belladonna, zu Hause im Südwesten des Kaplandes. Die Gattung Amaryllis umfasst zwei Arten, beide aus Südafrika (NC State Extension). Neben der Belladonnalilie gehört Amaryllis paradisicola dazu, erst 1998 beschrieben. Beide wachsen im Winterregengebiet des Landes. Zwei Arten sind wenig, gemessen daran, wie geläufig der Name ist.
Wer die Pflanze vor sich hat, erkennt sie am Aufbau. Aus der Zwiebel kommen im Spätsommer bis Herbst ein bis zwei Schäfte, jeder mit sechs bis zwölf zartrosa Trompetenblüten in einer Dolde. Die Blüten duften, die einzelne wird 8 bis 12 Zentimeter groß, und der Blütenstand steht in etwa 50 Zentimetern Höhe. Neben einem Ritterstern wirkt das zierlicher – mehr Blüten je Schaft, dafür kleinere. Beim Aufblühen steht der Schaft ohne Laub da, und daher kommt der zweite deutsche Name Nacktlilie.
Verwandt sind die beiden trotzdem. Ritterstern und Belladonnalilie gehören zur selben Familie, den Amaryllisgewächsen, die über sechzig Gattungen umfasst. Ihr Schwerpunkt liegt im südlichen Afrika, kleinere Verbreitungsgebiete kommen im andinen Südamerika dazu. Der Name der Gattung steckt dabei zugleich im Namen der Familie, und weil beide fast gleich klingen, hält sich die Verwechslung so hartnäckig. Aus südafrikanischer Sicht liegt der Fall ohnehin andersherum: Dort ist Amaryllis die heimische Pflanze, und Hippeastrum ist die artenreiche Gattung von der anderen Seite des Atlantiks. Für den Alltag zählt die Gattung, und die trennt die beiden sauber.
Wo die Belladonnalilie in Deutschland überhaupt auftaucht
Im Blumengeschäft ist sie am ehesten ab dem Spätsommer zu finden, und zwar als Schnittblume; die ersten Blüten zeigen sich in der Regel ab August. Als Topfpflanze bleibt sie die Ausnahme, weil sie im Topf über mehrere Jahre oft nur Blätter treibt und keine Blüten ansetzt. Damit ist die Alltagsfrage beantwortet: Wer im Dezember eine blühende Zwiebelpflanze kauft, hält keine Belladonnalilie in der Hand. Als Schnittblume steht sie damit neben den Sommerblumen.
Blütenzahl, Nebenkrone und Schaft entscheiden am lebenden Exemplar

Vier Prüfschritte reichen aus. Der erste kostet nur einen Blick auf den Kalender, danach zählen Sie die Blüten je Schaft und sehen in den Blütenschlund. Sicher ist die Sache am Schaft: Beim Ritterstern ist er hohl, bei der echten Amaryllis mit Markgewebe gefüllt. So gehen Sie der Reihe nach vor:
- Auf den Kalender schauen. Blüht die Pflanze zwischen November und Februar, ist die Frage praktisch entschieden: Es ist ein Ritterstern.
- Blüten je Schaft zählen. Zwei bis sechs große Trichterblüten sprechen für den Ritterstern, sechs bis zwölf kleinere in einer Dolde für die Belladonnalilie.
- In den Blütenschlund sehen. Eine kleine fransige Nebenkrone am Grund der Blütenblätter hat nur der Ritterstern.
- Den Schaft prüfen. Am Schnittende ist es eindeutig: hohl beim Ritterstern, mit Markgewebe gefüllt bei der echten Amaryllis.
| Merkmal | Ritterstern (Hippeastrum) | Echte Amaryllis (Amaryllis belladonna) |
|---|---|---|
| Blütezeit | Winter; im Handel ab November vorgetrieben, in Kultur bis in den Mai | Spätsommer bis Herbst, hierzulande ab August |
| Blütenschaft | hohl, kräftig und blattlos, 30 bis 60 cm, einzelne Sorten bis 80 cm | mit Markgewebe gefüllt, meist um 50 cm, kräftige Exemplare bis 70 cm |
| Blüten je Schaft | zwei bis sechs große Trichterblüten, einzelne Sorten bis 20 cm Durchmesser | sechs bis zwölf kleinere Blüten in einer Dolde, 8 bis 12 cm groß |
| Nebenkrone im Blütenschlund | kleine fransige Nebenkrone vorhanden | glatter Schlund ohne Nebenkrone |
| Duft | Ausnahme, an einzelne Wildarten gebunden | süßlich duftend, bei Sorten wie ‚Johannesburg‘ und ‚Kimberley‘ Standard |
| Herkunft | Mittel- und Südamerika | Südwesten des Kaplandes, Südafrika |
Süßlicher Duft spricht für die Belladonnalilie; bei Sorten wie ‚Johannesburg‘ und ‚Kimberley‘ gehört er zum Sortenbild. Doch umgekehrt trägt das Merkmal nicht: Duft kommt auch beim Ritterstern vor, gebunden an einzelne Wildarten, und ausschließen lässt sich die Gattung damit nicht.
Der Blick in den Blütenschlund reicht meist
Die fransige Nebenkrone am Grund der Blütenblätter ist das einzige Merkmal, das ohne Schnitt und ohne Kalender direkt an der offenen Blüte zu sehen ist. Beim Ritterstern sitzt sie dort, bei der Belladonnalilie ist der Schlund glatt. Ein Blick in die geöffnete Blüte genügt. Das stärkste Merkmal bleibt der Schaft, es verlangt allerdings einen Anschnitt: Bei der Schnittblume aus dem Advent ist das Schnittende ohnehin offen und die Röhre sofort zu sehen, an der ungeschnittenen Topfpflanze im Laden müsste man dafür schneiden. Genau dieser hohle Schaft ist auch der Grund, warum die Schnittblume in der Vase eine Stütze braucht; wie das geht, steht bei Amaryllis in der Vase.
Kalender und Blattfolge sind nur Indizien
Die Belladonnalilie blüht auf laublosem Schaft, das Laub folgt erst nach der Blüte (PlantZAfrica). Es bleibt den Winter über grün und zieht im Sommer ein; für dieses Blühen vor dem Laub gibt es einen eigenen Fachbegriff (Hysteranthie). Umgekehrt gilt die populäre Faustregel „erst Blätter, dann Blüte“ allerdings nicht. Die Hippeastrum-Arten sind überwiegend immergrün oder winterruhend, und viele von ihnen blühen mit vorhandenem Laub; wer nur auf die Reihenfolge von Blatt und Blüte schaut, liegt bei ihnen falsch. Im Advent hilft der Kalender trotzdem weiter, denn die Ware für diesen Termin wird eigens vorgetrieben.
Im Advent steht vorgetriebene Ware im Laden, und das Etikett verrät den Rest

Damit die Blüte in den Advent fällt, haben die Zwiebeln eine Kühl- und Ruhephase hinter sich: Im November und Dezember steht im Laden vorgetriebene Ware.
Acht bis zehn Wochen kühl und halbdunkel – so lange dauert diese Ruhephase. Gekaufte Zwiebeln sind entsprechend präpariert; nach dem Eintopfen vergehen fünf bis acht Wochen bis zur ersten Blüte, und im Handel ist dieser Schritt längst erledigt, wenn die Pflanze ins Regal kommt. Wer dieselbe Zwiebel über Jahre selbst weiterkultiviert, erlebt die Blüte deshalb meist erst ab der Monatswende Januar/Februar. Tatsächlich ist die Dezemberblüte damit ein Ergebnis der Kultur und kein Naturkalender: In Kultur reicht die Blütezeit von Dezember bis in den Mai.
Je Blütenstand hält die Blüte rund drei bis vier Wochen. Bei kühlem Stand und mehreren Schäften nacheinander zieht sich die Blütezeit auf bis zu zwei Monate. Wie viele Schäfte kommen, hängt an der Zwiebel: Je größer sie ist, desto mehr Blüten bringt sie. Wer im Januar oder Februar eine blühende Amaryllis kauft, hat übrigens genauso einen Ritterstern vor sich wie im Dezember.
Als Schnittblume läuft die Amaryllis von September bis in den Frühling; im Blumenladen begegnet sie Ihnen also über den ganzen Winter. Die Stiele sind auch hier hohl und tragen drei bis fünf trichterförmige Blüten.
Wer den Topf in einen Haushalt mit Katze stellt, wirft vorher einen Blick darauf, ob die Amaryllis für Katzen giftig ist.
Was die Umfangsklasse auf dem Etikett bedeutet
Auf dem Etikett stehen beide Namen in einer Zeile, dazu eine Zahl in Zentimetern, etwa „Amaryllis-Zwiebel, Umfang ca. 32 cm, Blütenfarbe rot, Hippeastrum“. Vorn steht der Handelsname, hinten der botanische. Die Zahl ist der Umfang der Zwiebel, gemessen am dicksten Punkt, und sie sagt voraus, wie viel Blüte in der Pflanze steckt.
- 26/28: meist ein Blütenschaft mit drei bis vier Blüten, selten ein zweiter.
- 30/32: in der Regel zwei Schäfte mit je vier bis fünf Blüten.
- 34/36: bis zu drei Schäfte und entsprechend dickere Stiele.
Die Staffel ist eine Faustregel des Handels und keine Zusage. Sicher ist die Richtung: Sortiert wird nach Umfang, und größere Zwiebeln bringen mehr Schäfte und kräftigere Stiele.
Ein Kongress von 1987 beendete den Streit, der Handelsname blieb
Beide Pflanzen standen einmal in derselben Gattung, und daher rührt der gemeinsame Name bis heute. Wer sich über das Namenswirrwarr wundert, ist damit in guter Gesellschaft. Die echte Amaryllis kam Mitte des 18. Jahrhunderts nach Europa, und Carl von Linné gab ihr 1753 den Namen Amaryllis belladonna. Als später in Südamerika die ersten Rittersterne auftauchten, stellte man sie wegen der Ähnlichkeit ebenfalls zu Amaryllis. 1821 trennte William Herbert die südamerikanischen Arten ab und nannte die neue Gattung Hippeastrum; er selbst sprach von der „knight’s star lily“, und daraus wurde im Deutschen der Ritterstern.
Gestritten wurde danach noch ein Jahrhundert lang, und zwar darüber, welche Pflanze Linné eigentlich gemeint hatte. Der 14. Internationale Botanische Kongress setzte 1987 den Schlusspunkt: Amaryllis bleibt der Name der südafrikanischen Gattung. Der Handel ist dieser Klärung nie gefolgt, und im Blumenladen heißt der Ritterstern bis heute Amaryllis. Der Gattungsname selbst geht übrigens auf eine Schäferin der antiken Hirtendichtung zurück; was die Amaryllis bedeutet, steht auf einer eigenen Seite.
Für die Fensterbank bleibt es einfach: Was im Advent blüht, ist ein Ritterstern, die Belladonnalilie kommt im Spätsommer. Und wo Sie unsicher sind, entscheidet der Blick in den Blütenschlund. Dass Handelsname und botanischer Name auseinanderlaufen, ist dabei kein Einzelfall: Ein zweiter Namensfall derselben Art liegt bei Narzisse und Osterglocke.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Amaryllis und Ritterstern?
Was ist der Ritterstern?
Welche Arten von Amaryllis gibt es?
Wann blüht die echte Amaryllis belladonna?
Sind Amaryllis und Hippeastrum dasselbe?
Artikel von
Anton PolitunGründer & Autor bei Blumengruss.de
Schreibt über Schnittblumen — ihre Bedeutung, Pflege und die Kunst, den richtigen Strauß zu wählen.